Die RoundUp Ready Technologie und ihre Auswirkungen

Die Wundertechnologie – GVO

Dr. Thierry Vrain ist ein Wissenschaftler, der viele Jahre für die Agrochemie gentechnisch veränderte Organismen untersucht hat. Sein Auftrag lautete die Unbedenklichkeit der Technologie durch Studien zu belegen. In den Anfängen hatte niemand bedenken, dass mit den GMO’s größere Probleme auftauchen könnten. Ganz im Gegenteil. Die Wissenschaftler, inklusive Dr. Vrain, waren durchwegs begeistert von den Möglichkeiten, die sich ihnen boten. Zu dieser Zeit war man sich sicher eine Wundertechnologie entwickelt zu haben. Alles schien möglich. Die Erträge in der Landwirtschaft zu steigern, Unkrautmanagement mit einem ungiftigen Totalherbizid in den Griff zu bekommen, Schädlingsbekämpfung ohne Spritzmittel zu bewerkstelligen, weil die gentechnisch veränderte Pflanze selbst das Pestizide herstellt und last but not least die Massenproduktion in der Landwirtschaft mit großer Arbeitserleichterung und mehr Gewinne für die Farmer, was die höheren Kosten beim Einkauf rechtfertigte.

 

Als Dr. Vrain vor über 10 Jahren in Pension ging, fing er mit seiner Frau an eine kleine Biofarm zu bewirtschaften. Da er nicht mehr finanziell von seinen Arbeitgebern abhängig war, konnte er sich aussuchen, welche Studien er las und womit er sich beschäftigte. Er widmete sich den Studien der gegnerischen Seite, die sich kritisch und ablehnend gegenüber der Technologie verhielt. Ihn interessierte, wie die GegnerInnen von GMO’s argumentierten und vor allem, auf welche Studien sie ihre Argumentation stützten. Mit der Zeit fing er an immer mehr an seiner bisherigen Arbeit zu zweifeln. Irgendwie schienen da doch einige Ungereimtheiten zu sein. Dr. Vrain vertiefte seine Studien und kam zu dem Schluss, dass die GegnerInnen Recht hatten. Er verglich über 100 veröffentlichte Studien. Keine dieser Studien hat er selbst erstellt. Das musste er auch nicht, denn das Datenmaterial war bereits vorhanden. Dabei verfestigte sich sein Entschluss an die Öffentlichkeit zu gehen und einiges richtig zu stellen. Heute ist sich Dr. Vrain sicher, dass RoundUp zum Hauptschadstoff (1) in den USA und Kanada geworden ist, der antibiotisch ist, das unser Mikrobiom beeinflusst, die CYP Enzyme beeinträchtigt und Lebensmittel entmineralisiert.

 

Zum Folgenden Text

Folgender Text ist in weiten Teilen die Übersetzung eines öffentlichen Briefes Dr. Thierry Vrains an den kanadischen Gesundheitsminister Rona Ambrose, als wissenschaftlicher Beleg und Entscheidungshilfe sich für eine Etikettierung von gentechnisch veränderten Produkten einzusetzen. Dr. Vrain hat diesen Text online auf Facebook gestellt und ist für alle einsichtig. Sich mit solchen Texten auseinanderzusetzen wäre m.E. die Pflicht aller PolitikerInnen, die über die Zulassung von Glyphosat, gentechnisch veränderten Lebensmitteln und die die Ausbringung von gentechnisch verändertem Saatgut abstimmen. Speziell vor dem Hintergrund, dass die Vorarlberger Landesgregierung momentan das „Gesetz
zum Schutz vor invasiven gebietsfremden Arten und gentechnisch veränderten Organismen – Sammelnovelle“ (Regierungsvorlage: 35. Beilage im Jahre 2016 zu den Sitzungsberichten des XXX. Vorarlberger Landtages Beilage 35/2016 – Teil A: Gesetzestext).

 

Zu finden ist die Regierungsvorlageunter: zu finden unter:

http://www.vorarlberg.at/landtag/landtag/recherche/recherche.htm im Suchfeld eingeben: Beilage 35/2016

Der Brief

Vom Entkalkungsmittel zum Totalherbizid

Das Molekül Glyphosat ist der aktive Bestandteil von RoundUp und wurde 1960 von Stauffer Chemicals zur Reinigung von industriellen Boilern und Rohrleitungen entwickelt und 1964 von ihnen als ein sehr starkes Entkalkungsmittel patentiert. Es bindet an ein enorm breites Spektrum von Metallatomen an (2). Relativ schnell erkannte man, dass das Resultat der Entkalkung, die Lösung, alle Pflanzen vernichtet, wenn man es in der Natur entsorgte. Als Monsanto davon erfuhr, erkannten sie darin sofort die große Chance der weltweiten Vermarktung als Herbizid. Der Markt dafür ist um vieles größer als für die Entkalkung von Industrieanlagen. Monsanto kaufte das Molekül, patentierte es 1969 neu als Herbizid, und brachte es 1974 in den Handel (3). Inzwischen ist Glyphosat das meist verkaufte chemische Produkt für die Landwirtschaft in Nord- und Südamerika wo „RoundUp Ready Saatgut“ verwendet wird, das durch Gentechnik resistent gegen Glyphosat gemacht wurde. Es erleichtert das Leben der Landwirte indem es ihnen ein billigeres und einfacheres Unkrautmanagement ermöglicht. Dafür akzeptieren sie höhere Kosten im Einkauf, manche enttäuschende Ernte und eine schnell wachsende Anzahl resistenter Unkrautsorten, die als „Superunkraut“ bezeichnet werden (4).

 

Funktionsweise von Glyphosat als Herbizid

Das Herbizid RoundUp hatte eine komplett neue Chemie. Es bindet an ein Proteinenzym im Chloroplast an. Enzyme sind Metallproteine. Bakterien, Pflanzen und Pilze haben ein Metallprotein mit dem Namen EPSPS (5-Enol Pyruvyl Shikimate-3 Phosphate Synthase), um Bausteine für Proteine herzustellen, die aromatische Aminosäuren genannt werden. Diese Moleküle sind wieder Bausteine für viele aromatische Proteine, genannt sekundäre Verbindungen. Glyphosat bindet so stark am Manganatom im Zentrum der EPSPS an, dass es seine Aufgabe, aromatischen Aminosäuren zu produzieren, nicht mehr erfüllen kann. Das Ergebnis ist klar und logisch erklärbar: Keine Proteinsynthese bedeutet kein Stoffwechsel und damit der Tod für Pflanzen, Pilze und Bakterien.

 

Unbedenklichkeit von Glyphosat beruht auf Fehlannahmen

Glyphosat wurde 1974 deshalb als unbedenklich für Menschen bezeichnet und registriert, weil Tiere keinen Shikimatweg (Stoffwechselweg) haben und weil es bestimmt war Pflanzen zu vernichten. Glyphosat ist nicht akut toxisch, weshalb damals niemand daran dachte nach chronischen Effekten zu suchen. Wer die chemischen Eigenschaften betrachtet, müsste jedoch chronische Langzeiteffekte ähnlich Rachitis, Skorbut oder Beriberi wegen andauerndem Nährstoffmangel annehmen. Die Studien über Tierfütterung beinhalten keine Untersuchung der Sicherheit von Glyphosat. In keiner wird Glyhosat auch nur erwähnt. In den letzten Jahren haben aber einige unabhängige Studien die Auswirkungen von Glyphosat auf verschiedene Enzyme und Organe von Tieren und von menschlichen Zellen aufgezeigt.

 

Extremer Anstieg der Verwendung von RR-Saatgut und Glyphosat

Die ersten RoundUp Ready (RR) Pflanzen wurden 1996 vermarktet und Farmer haben enthusiastisch weitere neu entwickelte Sorten angenommen, die auf den Markt kamen. Speziell in Nord- und Südamerika. Heute sind fast 2 Mio. km2 (500 Mio. Morgen) Soja, Getreide, Baumwolle, Weiße Rüben und Rübenzucker gentechnisch verändert, damit sie mit Roundup besprüht werden können. 40% aller RR Pflanzen und Früchte wachsen in den USA, der große Rest davon in Brasilien, Argentinien, Kanada und ein paar anderen Staaten. Diese Ernten werden jährlich mit nahezu 900.000 Tonnen Glyphosat bespritzt. Das Glyphosat kommt über die Futtermittel in den Nahrungskreislauf so dass die amerikanische Umweltbehörde EPA die Grenzwerte für Glyphosat bereits erhöhen musste (5).

 

Glyhosat – auch ein Breitbandantibiotika

Glyphosat wurde von Monsanto auch als ein kraftvolles Breitbandantibiotika patentiert (6). Die Methode zur Vernichtung von Bakterien wird wie beim Herbizidpatent als sehr selektiv angeben. Das Glyphosatmolekül soll die Funktion des Shikimatweges in den Bakterien in der gleichen Weise wie in den Pflanzen beeinträchtigen. Nur ein Enzym, das zur Bildung von Chorismat, der Vorstufe der drei essentiellen aromatischen Aminosäuren, Tryptophan, Tyrosan und Phenylalanin führt, soll im Shikimatweg (Stoffwechselweg) gestört werden. Das Antibiotika-Patent von Glyphosat beschreibt seine Effektivität Bakterien zu vernichten mit 1 ppm. Dieses Ergebnis wurde in Deutschland bestätigt (7). Warum kleine Gaben von Antibiotika keine gute Idee sind, beschreibt Dr. Vrain oft, indem er das jüngste Interesse der Medizin an einem großen Verbundforschungsprojekt, in das viele Universitäten eigebunden waren, beschreibt.

 

Das Mikrobiom des Menschen

Das Projekt, die große Gemeinschaft tausender Arten von Bakterien im menschlichen Verdauungstrakt zu entziffern, das Mikrobiom, ist in seinem Umfang das Äquivalent zum menschlichen Genomprojekt. 100 Billionen bakterielle Zellen besiedeln unseren Darmtrakt. Sie senden sich gegenseitig ununterbrochen signalgebende Moleküle, genauso wie an alle menschlichen Organe, speziell ans Gehirn. Alle Tiere sind von der Symbiose dieser Zellen abhängig, das gleiche gilt für die Menschen. Sie unterrichten unser Immunsystem, sie produzieren die Neurotransmitter für unser Gehirn und haben eine starke Verbindung zum Herz und dem ganzen Verdauungstrakt. Sie füttern uns buchstäblich mit allen Molekülen, die wir benötigen. Man nennt sie essentiell, so wie Vitamine und Ähnliches. Sie verdauen und recyceln den Großteil unserer Nahrung. Menschliche Organe sind für eine normale Funktion von molekularen Signalen abhängig. Und so wie es dem Mikrobiom geht, so geht es dem Mensch. Ein kürzlich erschienener Bericht über medizinische Literatur, die sich mit Zöliakie und anderen Krankheiten beschäftigt, zeigt die Verbindung zu einem gestörten Mikrobiom, das vollkommen mit den antibiotischen Eigenschaften von Glyphosat erklärt werden konnte (8).

 

Keine Studien für Grenzwerte

In Kanada gibt es keine offiziellen Daten für Glyphosatrückstände in Lebensmittel oder Wasser – nie wurden epidemiologische Studien erstellt. Alles was es gibt sind legale Maximalwerte für Glyphosat in RR Lebensmittel, Getreide 30ppm, Tierfutter 100 ppm, Sojabohnen 120 ppm und alles andere irgendwo dazwischen (5). Ein neugieriger Geist wird jetzt fragen, warum so hohe Glyphosatgrenzwerte für Getreide, wenn keines davon gentechnisch verändert wurde, um mit RoundUp bespritzt zu werden. Die Antwort: RoundUp wird auf viele nicht gentechnisch veränderte Pflanzen gespritzt, um sie kurz vor der Ernte zu töten. Dadurch reifen und trocknen sie schneller, was die Ernte leichter und billiger macht. Das Herbizid RoundUp wurde die letzten 10 Jahre auch als Trocknungsmittel verwendet.

 

Glyphosat schuld am Anstieg chronischer Erkrankungen

Es besteht eine direkte Toxizität für tierische Zellen, weil Glyphosat wahllos an Metalle anbindet und zwar nicht nur an Pflanzenzellen. Es bindet überall an Metalle an in Lösungen an und an Metall-Co-Faktoren im Zentrum von Metallproteinen an. Z. B. bindet es an das Eisenatom im Zentrum einer großen Familie von Proteinenzymen, den CYP. Es gibt 57 verschiedene CYP Enzyme im menschlichen Körper und wahrscheinlich 20.000 in Tier, Pflanzen, Bakterien und Pilzen. Sie sind Oxidatoren und die erste Abwehr der Verdauung und Entgiftung der meisten Substrate. David Nelson schreibt in einem Bericht über CYP Enzyme: „Die CYP Enzyme von Menschen sind essentiell für ein normales Zusammenwirken aller physikalischen und biochemischen Prozesse im menschlichen Körper. Fehler einiger dieser Enzyme verursachen ernste Krankheiten“ (9). Samsel und Senfen veröffentlichten einen Bericht über die Auswirkungen von Glyphosat auf die CYP Enzyme und das Mikrobiom. Sie gehen davon aus, dass die vom Glyphosat bewirkte Unterdrückung der CYP Enzyme und sein antibiotischer Effekt auf das menschliche Mikrobiom an der Entstehung von vielen chronisch degenerativen, entzündlichen Krankheiten beteiligt sind, die sich seit dem Aufkommen der RoundUp-Technologie zu Epidemien entwickelt haben (10).

 

Akute Toxizität

Dr. Nancy Saison veröffentlichte ihre statistische Analysen der Kontroll-Statistik des Zentrums für Krankheit und der Statistik des US-Departements für Landwirtschaft über die Ausbringung von RR Soja und Mais. Sie stellte einen starken Zusammenhang zwischen Glyphosatgrenzwerten und chronischen Krankheiten fest. (11) Medizinische und chemische Studien haben die Auswirkungen von Glyphosat auf viele Metallproteine erklärt. Menschliche Zellstudien haben akute Toxizität (12-15) und Tierstudien haben chronische Toxizität (16-21) gezeigt. Glyphosat bioakkumuliert in Pflanzen und in Tieren, die diese Pflanzen fressen. Es akkumuliert in den Lungen, dem Herz, den Nieren, im Verdauungstrakt, der Leber, der Milz, den Knochen…und chronisch kranke Menschen haben höhere Grenzwerte im Urin als Gesunde (22)

 

Zusammenfassung

Zusammenfassend zum Ernährungsstand der GMO’s ist zu sagen, dass mit RoundUp Ready bespritzte Früchte und Pflanzen, unabhängig davon, ob sie RR sind oder nicht, Rückstände von Glyphosat aufweisen. Die Lebensmittel, die aus diesen Ernten hergestellt werden sind entleert von Mineralstoffen, die an das Glyphosat gebunden wurden und sie sind chronisch toxisch (23).

In Kanada darf keine Kennzeichnung durchgeführt werden, weil sie auf wissenschaftlichen Untersuchungen beruhen müssen, die Belegen, dass es sich um ein ungesundes Produkt für die kanadische Bevölkerung handelt. Leider gibt es keine offiziellen wissenschaftlichen Untersuchungen, die bestätigen, dass GMO’s ungesund sind. Dr. Vrain hofft, dass der Minister in seinen Ausführungen „genug wissenschaftliche Beweise gefunden hat, um handeln zu können und sich den 60 Ländern der Erde anschließen wird, denen diese Beweise genügt haben, entweder eine Etikettierung, oder ein Gesetz für das Verbot von RoundUp Ready Getreide und das Herbizid RoundUp zu erlassen.

 

Literaturliste

  1. Battaglin W.A., Meyer M.T., Kuivila K.M., Dietze J.E. 2014. Glyphosate and its degradation product AMPA occur frequently and widely in US soils, surface water, groundwater, and precipitation. J. Amer. Water Res. Assoc. 50, 275-290.
  2. S. Patent 3,160,632 Stauffer Chemicals 1964
  3. US Patent 3,455,675 Monsanto Chemicals 1969
  4. Fernandez-Cornejo J., Wechsler S.J., Livingston M. and Mitchell L. 2014. Genetically Engineered crops in the United States. USDA Economic Research Report No. (ERR-162) 60 pp. http://www.ers.usda.gov/media/1282246/err162.pdf
  5. EPA 2013 MCL (US Environment Protection Agency legal Maximum Contaminant Levels). http://www.epa.gov/ogwdw/pdfs/factsheets/soc/glyphosa.pdf
  6. S. Patent Number 7,771,736 Monsanto Chemicals 2010.
  7. Shehata, A.A., Schrödl, W., Aldin, A.A., Hafez, H.M. and Krüger, M. 2013. The effect of Glyphosate on potential pathogens and beneficial members of poultry microbiota. Curr. Microbiol. 66:350-358.
  8. Samsel, A. and Seneff, S. 2013. Glyphosate, pathways to modern diseases II. Celiac sprue and gluten intolerance. Interdiscip. Toxicol. 6: 159-184
  9. Nelson, D. 2013. A world of cytochrome P450s. Philo. Transac. Royal Soc. London B 368 No 1612.
  10. Samsel, A. and Seneff, S. 2013. Glyphosate’s suppression of cytochrome P450 enzymes and amino acid biosynthesis by the gut microbiome: pathways to modern diseases. Entropy 15: 1416-1463.
  11. http://www.examiner.com/gmo-in-seattle/nancy-swanson
  12. Gasnier, C., Dumont, C., Benachour, N., Clair, E., Chagnon, M.C. and Séralini, G.E. 2009. Glyphosate-based herbicides are toxic and endocrine disruptors in human cell lines. Toxicology 262: 184-191.
  13. Benachour N. and Seralini, G.E. 2009. Glyphosate induces apoptosis in human umbilical, embryonic, and placental cells. Chem. Res. Toxicol. 22: 97-105.
  14. Koller, V.G., Fürhacker, M., Nersesyan, A., Mišík, M., Eisenbauer, M. and Knasmueller, S. 2012. Cytotoxic and DNA-damaging properties of glyphosate and Roundup in human-derived buccal epithelial cells. Arch. Toxicol. 86: 805-813.
  15. Thongprakaisang, S., Thiantanawat, A., Rangkadilok, N., Suriyo, T. and Satayavivad, J. 2013. Glyphosate induces human breast cancer cell growth via estrogen receptors. Food Chem. Toxicol. 59: 129-136.
  16. Senapati ,T., Mukerjee, A.K. and Ghosh, A.R. 2009. Observations on the effect of glyphosate based herbicide on ultrastructure (SEM) and enzymatic activity in different regions of alimentary canal and gill of Channa punctatus (Bloch). J. Crop Weed 5: 236-245.
  17. Paganelli, A., Gnazzo, V., Acosta, H., López, S.L. and Carrasco, A.E. 2010. Glyphosat herbicides produce teratogenic effects on vertebrates by impairing retinoic acid signaling. Chem. Res. Toxicol. 23: 1586-1595.
  18. Vecchio, L., Cisterna, B., Malatesta, M., Martin, T.E. and Biggiogera, M. 2004. Ultrastructural analysis of testes from mice fed on genetically modified soybean. Eur. J. Histochem. 48:448-454.
  19. El-Shamei, Z.S.; Gab-Alla, A.A.; Shatta, A.A.; Moussa, E.A.; Rayan, A.M. 2012. Histopathological changes in some organs of male rats fed on genetically modified corn. J. Am. Sci. 8: 684-696.

20 Séralini, G.E., Clair, E., Mesnage, R., Gress, S., Defarge, N., Malatesta, M., Hennequin, D. and de Vendômois, J.S. 2014. Republished study: Long-term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize. Environ. Sci. Eur. 26:14

21 Clair. E, Mesnage, R., Travert, C. and Séralini, G.É. 2012. A glyphosate-based herbicide induces necrosis and apoptosis in mature rat testicular cells in vitro, and testosterone decrease at lower levels. Toxicol. in Vitro 26: 269-279.

22 Kruger, M., Schledorn, P., Schrodl, W., Hoppe, H.W., Lutz, W. and Shehata, A.A. 2014. Detection of glyphosate residues in animals and humans. Environ. & Anal. Toxicol. 4:2

23 Zobiole, L.H., Kremer, R.J., de Oliveira, R.S. and Constantin, J. 2012. Glyphosate effects on photosynthesis, nutrient accumulation, and nodulation in glyphosate-resistant soybean. J. Plant Nutri. Soil Sci. 175:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Freihandel und seine Auswirkungen

USA erhöhen den Druck in den TTIP-Verhandlungen

Vor dem Amtszeitende Barrack Obamas erhöht die USA nochmals mächtig den Druck TTIP nach ihren Vorstellungen umzusetzen. Die Nerven der PolitikerInnen liegen blank, weil der Widerstand gegen das Freihandelsabkommen TTIP auf beiden Seiten des Atlantiks wächst und eine Umsetzung nach Amtsantritt des/der neuen Präsidenten/In in den USA mehr als zweifelhaft erscheint. Der US-Agrarminister Vilsack fordert also nicht ohne Grund mehr Schwung in den TTIP-Verhandlungen mit Ergebnissen noch in diesem Jahr. Er wirft Europa vor, die Standards er USA im Bereich GMO’s (gentechnisch veränderten Organismen) nicht anzuerkennen, die seines Erachtens auf wissenschaftlichen Studien basieren. Studien, die vor den Gefahren der GMO’s und Glyphosat warnen, erwähnt er natürlich nicht. Damit nimmt er für die US-Regierung das Recht in Anspruch zu entscheiden was wissenschaftlich ist und was nicht. (Vgl. derStandard.de 2016)

Auch CETA gerät kurz vor seiner Umsetzung durch die Aufklärungskampagnen der NGO’s immer mehr ins Visier der Medien und in die Kritik der Öffentlichkeit. Das führt dazu, dass man seitens der VerhandlerInnen Fehler macht und offen ausspricht, was lange dementiert und verharmlost wurde: Das amerikanische Nachsorgeprinzip soll unser Vorsorgeprinzip ersetzen. (ebd.)

KonsumentInnenschutz in Gefahr

Sind TTIP und CETA erst einmal umgesetzt, wird der Verweis auf die „Wissenschaftlichkeit“ auch der Bekämpfung der Kennzeichnungspflicht dienen. Denn warum sollte die Anwendung des scheinbar „unbedenklichen“ Totalherbizids Glyphosat in der Landwirtschaft durch Produktkennzeichnung kenntlich gemacht werden? Gleiches gilt für gentechnisch veränderte Lebensmittel. Eine Kennzeichnung, könnte Monsanto argumentieren, würde den Eindruck vermitteln, ihre Produkte wären minderwertiger als konventionell oder biologisch hergestellte Produkte der MitbewerberInnen, die ohne Gentechnik auskommen. Konzernklagen wegen Wettbewerbsnachteil und zukünftig entgangene Gewinne in Millionen-, wenn nicht in Milliardenhöhe, wären die Folge.

Monsanto hat beispielsweise in den USA erfolgreich die Kennzeichnungspflicht des Einsatzes von Posilac verhindern können (vgl. Michael R. Taylor 2015), das in der Milchproduktion zur Steigerung der Erträge eingesetzt wird, obwohl wissenschaftliche Untersuchungen Nebenwirkungen für die Milchkühe bestätigen. (Vgl. Rinder-Somatotropin 2016)

Das Rinder-Somatotropin (BST von bovine somatotropin) Posilac, auch als Rinder-Wachstumshormon (BGT von bovine growth hormone) bekannt, ist ein gentechnisch verändertes Wachstumshormon, das den natürlichen Abbau von Milchzellen am Höhepunkt der Laktatphase verhindert. Eine Meta-Analyse 2003 bestätigt als Nebenwirkungen für die Kühe: 25 % erhöhte Wahrscheinlichkeit der Milchdrüsenentzündungen mit teilweiser Eiterbildung, eine um 40% verminderte Empfängnisbereitschaft von Kühen während der Behandlung und eine um 55 % höhere Wahrscheinlicht ein gestörtes Gangbild aufzuweisen, das als Lahmheit bezeichnet wird. Der Einsatz von Posilac hat lt. Studien auf die Zusammensetzung der Milch keine Auswirkungen und stellt daher aus deren Sicht keine Bedrohung für die menschliche Gesundheit dar. (Rinder-Somatotropin 2016)

Produktwahl als Ausdruck persönlicher Wertorientierung

Bei der heutigen Verfügbarkeit von Hintergrundwissen über Produktionsweisen und Geschäftspraktiken weltweit agierender Konzerne kann die Produktwahl nicht länger eine Entscheidung über persönliche Vorlieben, Geschmack oder Nutzen sein. Ob wir wollen oder nicht, es ist immer auch eine Entscheidung über die ethisch-moralische Ausrichtung unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Dabei ist es unerheblich, ob wir uns über die Geschäftspraktiken der Konzerne informieren oder nicht. Das Wissen über Menschenrechtsverletzungen und Umweltschädigungen, Lohndumping und Ausbeutung, Kartellabsprachen und Steuerflucht hat in der Gesellschaft bereits ein Ausmaß angenommen, dass eine auf oberflächlichen Kriterien beruhende Kaufentscheidung schon beinahe einer bewussten Realitätsverweigerung gleichkommt. Die Gründe für dieses Verhalten können allerdings vielfältig sein. Vom Geldmangel bis zur Überforderung durch die Komplexität der Zusammenhänge ist alles möglich.

Eine aussagekräftige Produktkennzeichnung könnte das Kaufverhalten im letzten Moment doch noch zu Gunsten ethisch-moralischen Überlegungen beeinflussen. Verständlich, dass rücksichtlos handelnde Konzerne ein natürliches Interesse an der Schwächung einer ohnehin verbesserungswürdigen Kennzeichnungspflicht haben, die sich am europäischen Vorsorgeprinzip orientiert. Am Beispiel von Posilac wird deutlich, dass auch abseits des Vorsorgegedankens für die eigene Bevölkerung eine Kennzeichnung Sinn macht. Nämlich aus Rücksicht gegenüber der Natur, den Tieren und allen Menschen dieser Erde, die ebenfalls von negativen Auswirkungen der Produktionsprozesse oder den Produkten betroffen sein können.

Freihandel ist nur ein Modell

Die Verhinderung von Produktinformationen zeigt die ganze Verlogenheit einer neoliberalen Wirtschaftsordnung, die gebetsmühlenartig den Wohlstand für alle verkündet, wenn nur das große Ziel „der total freie Markt“ verwirklicht ist. Frei von Handelshemmnissen und ohne staatliche Eingriffe soll sich der Markt, wie von unsichtbarer Hand gesteuert, von selbst regeln. Die KonsumentInnen entscheiden mit ihrem Kaufverhalten über Erfolg und Misserfolg eines Produktes/einer Firma. Die Nachfrage regelt den Markt.

  • Schon beim Lesen dieser Aussagen kommt man ins Zweifeln, ob das alles stimmen kann. Und in der Tat widerspricht es in mehrfacher Hinsicht der Realität.
  • Es gibt kein Naturgesetz, dem der Markt gehorcht. Er gehorcht Regeln, die von Menschen erstellt wurden.
  • Der Markt und der Handel kennt keine Moral. Es ist daher die Pflicht der Politik die Werte unserer Gesellschaft in Gesetzen zu verankern, die einen ethisch-moralischen Handlungsrahmen vorgeben. Wie unmoralisch sich Konzerne in Staaten verhalten, in denen solche Regelungen fehlen, ist allgemein bekannt. Fehlende ArbeitnehmerInnen Rechte, sowie fehlende Umwelt- und Gesundheitsstandards (nichttarifäre Handelshemmnisse) sind der Grund für die Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland, um Kosten zu sparen.
  • Die Idee des Freihandels entspringt einem längst widerlegten Modell der Neoklassik. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist die Tatsache, dass dieses Modell von Annahmen ausgeht, die auf dem realen Markt nicht existieren (Gleichgewichtsmodell) (Vgl. Flassbeck 2014, S. 3)
  • Die neoliberalen Wirtschaftskräfte fordern einen total freien Markt ohne staatliche Eingriffe. Der Globalisierungsprozess, den die Wirtschaft mit den Freihandelsabkommen vorantreiben will, wird aber vom Regulierungswahn der Wirtschaft und der Großkonzerne begleitet. CETA, das Freihandelsabkommen mit Kanada, umfasst immerhin 1.600 Seiten Vertragswerk. (EU-Commission 2015a, 2015b) Es soll den Freihandel vor Verbraucher- und Umweltschutzbestimmungen, Sozialstandards und anderen lästigen, weil gewinnmindernden, Verpflichtungen befreien und schützen.
  • Nicht einmal die Hochburgen des neoliberalen Kapitalismus, die Banken, halten sich an ihr Modell des Marktes ohne staatliche Einmischung. Sie haben keine Skrupel sich einerseits gegen jede Form der staatlichen Regulierung zu wehren und andererseits Finanzspritzen in Milliardenhöhe in Anspruch zu nehmen, wenn sie sich verspekulieren. Die Freiheit Boni Zahlungen und Abfindungen in Millionenhöhe zu zahlen während sie MitarbeiterInnen kündigen bleibt davon unberührt.

Auch die größere Auswahl an Qualitätsprodukten zu erschwinglichen Preisen ist wohl kaum das eigentliche Ziel der Freihandelspolitik, sondern die endgültige Aufteilung der Macht auf wenige global agierende Konzerne wie beispielsweise Monsanto. Das Märchen vom „total freien und uneingeschränkten Markt, der allen Wohlstand bringt“ (David Richardo) dient als Vehikel, genau das zu erreichen, was der freie Wettbewerb eigentlich verhindern sollte: die Monopolstellung von Marktführern, ausgestattet mit einer „relativen Unabhängigkeit“ in der Preisgestaltung. Relativ unabhängig deshalb, weil um den Schein des freien Wettbewerbs zu wahren ein paar Marktführer in den jeweiligen Branchen Preisabsprachen treffen. Urteile des Kartellobergerichts bestätigen das immer wieder. An dieser Stelle macht es Sinn sich in Erinnerung zu rufen, dass Konzerne keine Machtphantasien haben. Es sind Menschen, die solche Interessen verfolgen und hinter den Konzernen stehen. Eine abgehobene, mit Macht ausgestattete Elite, deren LobbyistInnen schon lange die Fäden in der Politik ziehen. Als wache und kritische BürgerInnen sollten wir beginnen Fragen zu stellen. Zum Beispiel, wie die Interessen globaler Konzerne so große Bedeutung in der Politik bekommen konnten.

USA brauchen ein ambitioniertes TTIP

Der bloße Abbau tarifärer Handelshemmnisse, ein „Freihandelsabkommen light“ sozusagen, kann die in Aussicht gestellten BIP-Zuwächse nicht annähernd erfüllen. (Vgl. Bode ; Scheytt 2015, S. 55) Vermutlich ist das der Grund, warum sich die USA mit der „Light-Variante“ nicht zufrieden geben können. (Vgl. Garcia 2016) Wie der Ökonom Flassbeck zu bedenken gibt wird man die Erfolge beim Produktivitätswachstum mit einem Freihandelsabkommen TTIP an der dritten Stelle hinter dem Komma ablesen müssen, da es schon so viel Freihandel gibt zwischen Europa und den USA gibt. (Vgl. Flassbeck 2014, S. 2) Warum dann dieser ganze Aufwand, werden sich einige fragen. Heiner Flassbeck stellt dazu folgende Überlegungen an:

Wenn die USA zur Überzeugung gelangt ist, dass sie nur mit Europa gemeinsam dem aufstrebenden China Paroli bieten und Russland isolieren können und nur sie in diesem Bündnis jederzeit politisch und militärisch handlungsfähig sind, könnte TTIP der USA zur Sicherung ihrer Hegemonialfunktion dienen. Europa wäre dann in der Regel gezwungen dem starken Partner zu folgen. (ebd. S.4)

Der US-Handelsbeauftragte Michael Froman bestätigte durch seine Aussagen im April dieses Jahres die Überlegungen Flassbecks. (Vgl. Garcia 2016) Darüber nachzudenken mit wem wir uns auf ein so enges Bündnis einlassen würden, ist jedenfalls nicht unbedeutend. Ein Blick auf den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf scheint in diesem Zusammenhang durchaus angebracht und dürfte einige ins Grübeln bringen. Auch wenn Donald Trump nicht der nächste amerikanische Präsident wird, dieses Bündnis dauert länger als eine Präsidentschaft.

Die USA hat in den letzten Jahrzehnten riesige Handelsbilanzdefizite im Handel mit China und Europa hinnehmen müssen. Deshalb ist die Strategie hinter dem Freihandelsabkommen aus Sicht der USA klar und verständlich: Endlich Handelsbilanzüberschüsse zu erwirtschaften. (ebd., S. 2) Das geht allerdings nur, wenn es zu einem ambitionierten Freihandelsabkommen mit dem Abbau möglichst aller Handelshemmnisse kommt und Europa diesmal das Defizit hinnimmt. Die amerikanische Massenproduktion in der Landwirtschaft spielt dabei eine große Rolle, weshalb der Druck auf den KonsumentInnen- und Umweltschutz entgegen aller Beteuerungen der Handelskommissarin Cäcilia Malmström enorm groß ist. Die neuesten Enthüllungen über die geheimen TTIP-Verhandlungen bestätigen wieder einmal die Befürchtungen der Freihandels-KritikerInnen. (Vgl. dpa/red 2016)

Nicht von CETA ablenken lassen

Wenn wir uns allerdings durch die TTIP-Verhandlungen von CETA ablenken lassen, haben wir etwas Wichtiges übersehen. US-Konzerne können über Niederlassungen in Kanada den europäischen Markt beliefern und so ihre Standards in Europa durchsetzen. Also sollten wir uns unbedingt auch dem Freihandelsabkommen CETA widmen, das schon vor der Ratifizierung umgesetzt werden soll.

Am 21. Mai um 13:30 Uhr versammeln sich die Bürgerinnen und Bürger aus der Region Bodensee zum „March Against Monsanto“ und protestieren gegen die Bevormundungspolitik aus Brüssel und gegen das Diktat der Konzerne für eine lebenswerte Zukunft für alle! Infos gibt es auf dem SÖPPS-Blog (https://soepps.wordpress.com)

Literaturliste

Bode, Thilo ; Scheytt, Stefan (2015): Die Freihandelslüge: warum TTIP nur den Konzernen nützt – und uns allen schadet. 3. Aufl. München: Dt. Verl.-Anst.

derStandard.de (2016): US-Minister: Zeit für TTIP wird knapp, Genmais soll nach Europa. derStandard.at. Online im Internet: http://derstandard.at/2000034244943/US-Minister-Zeit-fuer-TTIP-wird-knapp-Genmais-soll-nach (Zugriff am: 03.05.2016).

dpa/red (2016): TTIP-Leak – Greenpeace: USA wollen Umwelt- und Verbraucherschutz aushöhlen. vol.at. Online im Internet: http://www.vol.at/ttip-leak—greenpeace-usa-wollen-umwelt–und-verbraucherschutz-aushoehlen/4709151 (Zugriff am: 04.05.2016).

EU-Commission (2015a):  Konsolidierte Fassung aller mit Kanada vereinbarten Kapitel, Anhänge und Erklärungen EU-Commissiono. J.

EU-Commission (2015b): Umfassendes Wirtschafts- und Handelsabkommen EU-Kanada (CETA) – Trade – European Commission. Online im Internet: http://ec.europa.eu/trade/policy/in-focus/ceta/index_de.htm (Zugriff am: 03.05.2016).

Flassbeck, Heiner (2014): TTIP, Freihandel und wirtschaftliche Entwicklung. Friedrich Ebert Stiftung. Online im Internet: http://library.fes.de/pdf-files/id/ipa/11125.pdf (Zugriff am: 11.03.2016).

Garcia, Marco (2016): US-Handelsbeauftragter – USA wollen kein TTIP-Light. Reuters Deutschland. Online im Internet: http://de.reuters.com/article/europa-usa-ttip-idDEKCN0XJ0HV (Zugriff am: 04.05.2016).

Michael R. Taylor (2015):  Michael R. Taylor Wikipedia o. J.

Rinder-Somatotropin (2016):  Rinder-Somatotropin Wikipedia o. J.

 

Zur Mindestsicherungsdebatte

Die Wortwahl für den Entwurf der 15 a Vereinbarung Neu[1] und zur bedarfsorientierten Mindestsicherung ist ernüchternd. Sie beschränkt sich auf „Fordern und Sanktionieren“ und blendet „Fördern und Unterstützen“ gänzlich aus. Alle MindestsicherungsempfängerInnen stehen unter Generalverdacht nicht arbeiten zu wollen, Flüchtlingen wird zusätzlich die fehlende Bereitschaft zur Integration in unsere Kultur unterstellt. Die feste Überzeugung, dass die Ärmsten unserer Gesellschaft noch Einsparungspotential haben, zeigt sich in den Forderungen das Verschlechterungsverbot aufweichen, die Mietkosten durch Reduzierung der Wohnungsgrößen senken und die verpflichtende Annahme eines WG-Platzes bei sonstiger Kürzung der Mietkosten einführen zu dürfen. Die Dehnbarkeit des Begriffes „menschwürdiges Leben“ wird hier deutlich sichtbar und kann auch die Schwächsten in unserer Gesellschaft, die Kinder, treffen. Sie leiden unter den Folgen finanzieller Kürzungen und beengtem Wohnraum am Meisten. Beteuerungen, dass auf das Kindeswohl besonders bedacht genommen wird, sind zweifach irrelevant: Erstens ist das Augenmaß der jetzt mit Entscheidungsmacht ausgestatteten Personen keine Garantie für die Zukunft. Regierungen und EntscheidungsträgerInnen wechseln und die möglichen Auswirkungen sind nicht absehbar (siehe „Negativbeispiel Polen“[2]). Zweitens schützen die dzt. gültigen Definitionen „Kindeswohl“ und „Kindeswohlgefährdung“ schon jetzt nicht alle Kinder in Österreich, wie die „Roma- und Betteldebatte“ zeigt.

Aus sozialarbeiterischer Sicht ist einer Verbesserung statt einer Verschärfung des Mindestsicherungsgesetzes der Vorzug zu geben. Der Focus verschiebt sich damit von den MindestsicherungsempfängerInnen zu Politik und Wirtschaft. Versäumnisse der Landesregierung den sozialen Wohnbau betreffend würden dann nicht in unscharfen „Soll-Formulierungen“ sondern in verpflichtenden und messbaren Zielen ausgedrückt. Die Verpflichtung Arbeit anzunehmen würde den in der Realität fehlenden Arbeitsplätzen gegenübergestellt. Der Tatsache, dass viele Konventionsflüchtlinge kriegstraumatisiert sind, würde durch mehr PsychotherapeutInnen mit der Schwerpunktausbildung „Kriegstraumata“ Rechnung getragen. Die Frage der Finanzierung würde sinnvollerweise mit der Frage nach der Schließung von Steueroasen verknüpft und wäre ein wirkungsvoller Beitrag dem Rechtsruck in Österreich entgegenzuwirken.

Kurt Walser, BA

 

[1] https://vorarlberg.gruene.at/themen/soziales/einigung-in-sachen-mindestsicherung/av-bms-april-16.pdf

[2] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/nationalkonservative-was-den-polen-vor-der-wahl-verschwiegen-wurde-13979532.html

Kriminalität: Unser Sexmob | ZEIT ONLINE

Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und hat einen unverstellten Blich auf die Ereignisse in Köln. Er lenkt den Blick vom Einzelereignis auf die Gesellschaft.

Kurt Walser

Deutschland bekämpft wieder jemanden: Männer, die Frauen belästigen. Die kann der Deutsche nicht ausstehen. Da kennt er keine Parteien mehr. Die Rechtskolumne

Quelle: Kriminalität: Unser Sexmob | ZEIT ONLINE

Das ist nicht Österreich!

Vermutlich weiß keiner der FPÖ-DemonstrantInnen irgend etwas über diese Flüchtlinge. Und trotzdem lehnen sie die AsylwerberInnen pauschal ab. (Link)

Was fühlen diese Menschen, die um Hilfe bitten und Ablehnung erhalten? Wie werden diese Kinder ihre Ankunft in Österreich in ein paar Jahren beschreiben? Mit welchem Recht verlangt die FPÖ eigentlich von MigrantInnen die Integration in unsere Gesellschaft, wenn sie selbst eine Kultur der Ausgrenzung lebt?

Ich schäme mich für diesen Verhalten einiger unserer MitbürgerInnen. Ich möchte mich entschuldigen und klar aussprechen: Das ist nicht Österreich, sondern nur ein irregeleiteter Teil, dem jegliche Empathie abhanden gekommen ist. Das schadet Österreich, das schadet unserer Gesellschaft. Der Schaden kann nicht in Geld ausgedrückt und nicht am BIP abgelesen werden. Er schadet unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, unserem Glücksgefühl und wirkt sich negativ auf unsere Lebensqualität aus. Die Messgröße dafür muss erst noch gefunden werden. Wir können solchen Auswüchsen der Fremdenfeindlichkeit nicht mit Ausländerpolitik allein begegnen. Der Begriff ist bereits negativ konnotiert und stellt an den Beginn einer Beziehung zu MigrantInnen oft nicht das Annehmen wollen, das Kennenlernen wollen, das Interesse am anderen, sondern einen Forderungskatalog von Anpassungsbemühungen und den Generalverdacht. Er ist verbunden mit Arbeits- und Bildungsverbot und gibt die Menschen zugleich dem Vorwurf des Schmarotzertums und der Arbeitsscheue preis, während sie zum Nichtstun verurteilt sind und Sinnlosigkeit und Leere erfahren müssen.

Lösungen können wir uns nicht von der Politik allein und auch nicht durch einzelne Veränderungen erwarten. Lösungen liegen in der Veränderungen des gesamten Gesellschafts- und Wirtschaftssystems. Es braucht eine Wirtschaft, die auf ethisch- moralischen Grundsätzen beruht. Die Rahmenbedingungen sollten „alle“ BürgerInnen und nicht nur die UnternehmerInnen, die PoitikerInnen oder die ExpertInnen für diverse Fachbereiche definieren.

Darum gründen wir das „Forum für ethisches Wirtschaften“ und laden jetzt schon alle ein, sich durch Beiträge, Inputs und Ideen einzubringen.